Premiere: „Der eingebildete Kranke“
Molières Klassiker „Der eingebildete Kranke“ feiert eine moderne Premiere
im Chambinzky-Hafentheater. Eine zeitgemäße Fassung stellt dabei neue
Facetten der Komödie heraus.
Würzburg Der französische Theaterautor Molière (1622–1673) ist ein
Meister der klassischen Komödie. Sein letztes Stück „Der eingebildete
Kranke“ aus dem Jahr 1673 ist eines der meistgespielten Theaterstücke der
Welt und erfreut sich bis in die Gegenwart ungebrochener Beliebtheit beim
Publikum. Kein Wunder, dass sich das Würzburger Theater Chambinzky zur
besten Theaterzeit rund um den Jahreswechsel dieses Stoffes angenommen
hat. Und der bestens bekannten Komödie um den berühmtesten Hypochonder der
Weltliteratur durchaus neue Aspekte abgewinnt. Das liegt zuallererst an
der Neufassung von Martin Heckmanns, die im Dezember 2019 in Bonn
uraufgeführt wurde und von Regisseurin Martina Esser für ihre Inszenierung
im Hafentheater ausgewählt wurde. Heckmanns hat den Text gestrafft, von
einigen Nebenfiguren befreit, satirisch zugespitzt und die Figur des
Dienstmädchens Toinette deutlich aufgewertet, ohne dabei den Kern der
Handlung zu vernachlässigen. In deren Zentrum steht der wohlhabende
Herr Argan (Wolfgang Stenglin), dem es an nichts fehlt und der doch ein
kranker Mann ist. Geplagt von unregelmäßigem Puls, problematischer
Verdauung und allgemeiner Lebensunlust ist er ein willfähriges Opfer des
überaus geschäftstüchtigen Gespanns aus Hausarzt Purgon (Andreas Münzel)
und Apotheker, die nicht nur seine Nerven, sondern auch sein Bankkonto
gehörig strapazieren. Angelique und Cleante kämpfen um ihr
Glück Abhilfe aus dieser Misere schaffen soll die
Verheiratung seiner Tochter Angelique (Anna Breitling) mit dem Arzt-Sohn
Thomas (Maximilian Reger), weil „ein Arzt in der Familie die Kosten
senkt“. Ein Aspekt, der Angelique überhaupt nicht interessiert, ist sie
doch ihrerseits unsterblich in den Hauslehrer Cleante (Konrad Hansen)
verliebt. Was aber auch Beline (Kerstin Lauterbach), ihrer Stiefmutter,
missfällt, die Angelique am liebsten im Kloster sähe, weil sie dann keine
Konkurrentin beim Kampf um Argans Erbe hätte. Ein schier
undurchdringliches Knäuel von unterschiedlichen Interessen, offenen und
versteckten Intrigen, die sich in immer neuen Wendungen sowohl ent- als
auch verwickeln. Überlagert vom stets wiederkehrenden Jammern des
„eingebildeten Kranken“ Argan, dessen Pendeln zwischen tumber
Lächerlichkeit und anrührender Verzweiflung von Wolfgang Stenglin perfekt
austariert ist. Zwei Frauen, Argans Schwester Beralde (Dagmar Münzel) und
eben das Dienstmädchen Toinette (Jolantha Herting), sind es, die dem
Kranken schließlich die Augen öffnen. Die lebenskluge Toinette
entwickelt einen raffinierten Plan, um den vermeintlich unheilbar Kranken
von seinen fixen Ideen und eingebildeten Beschwerden zu befreien. Sie
verschreibt ihm ein Rezept der besonderen Art und verabreicht es ihm
sogleich in ihrer Zweit-Rolle als weltweit gereister Wanderarzt.
Gleichermaßen elegant wie burschikos unbekümmert spielt Jolantha Herting
die beiden gänzlich verschiedenen Charaktere, die im Wechselspiel auf eine
gänzlich unerwartete Art und Weise Argans Genesung vorantreiben. Mit
viel Gespür für die Atmosphäre der Entstehungszeit (unter anderem mit dem
„Cold Song“ von Henry Purcell) und in aufwändigen zeitgenössischen
Barock-Kostümen (Sarah Bèke) hat Martina Esser den Text temporeich auf die
vom übergroßen, drehbaren Krankenbett dominierte Bühne (Andreas Zehnder,
Lea Fleder) gebracht. Sie bringt Molières brillante Dialoge und seinen
Wortwitz bestens zur Wirkung – zum höchsten Vergnügen des Publikums im
nicht ganz ausverkauften Hafentheater. Vorstellungen laufen noch bis
zum 25. Januar im Chambinzky Hafentheater.
Manfred Kunz
|