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  23.09.2026

Im Würzburger Chambinzky lernt eine verwöhnte Mischpoke das wahre Leben kennen - oder auch nicht
Auf der Hafenbühne spielt das Würzburger Theater Chambinzky “Tartüff”: Die pointierte Gesellschaftssatire von John von Düffel trifft den Nerv der Zeit.

Würzburg  Turbulent geht es zu beim Saisonauftakt auf der Bühne des Würzburger Hafentheaters Chambinzky. Mit John von Düffels Gesellschaftssatire “Tartüff”, sehr frei nach Molière eine zeitgemäße Mixtur aus Motiven der Klassiker “Tartuffe” und “Der Geizige”, wird das Publikum nicht nur trefflich und voller Schwung unterhalten.

Es stellen sich auch Fragen zum aktuellen Zustand unserer Gesellschaft. Die wissen Regisseurin Angelika Hofstetter und ihr Darstellerteam so spritzig zu kommentieren, dass das Lachen über das schlechte Gewissen siegt. Denn der Autor trifft natürlich ins Schwarze. Es geht um Pomp, Überfluss und Konsum, um Moral und Verantwortung.  

Die Familie des Unternehmers Orgon lebt in exzessivem Luxus. Zur Sippe gehören Ehefrau Elmire mit ihren pseudokünstlerischen Ambitionen, ihr von Hormonen überquellender Stiefsohn Damis und seine Schwester Marianne, die scharf aufs Erbe und einen Mann ist. Und zu guter Letzt Madame Pernelle, die Mutter Orgons, die sich wie ein Teenager bis  über beide Ohren verknallt hat in den Gast des Hauses.  

Tartüff, ein Nachhaltigkeitsfanatiker, der mit Sparplänen nervt  

Das ist Tartüff, ein Nachhaltigkeitsfanatiker, der für alle Familienmitglieder vom Traum zum Albtraum geworden ist.

Denn Orgon ist pleite, und Tartüff, Organs Bruder im Geiste, geht mit seinen Sparplänen allen gehörig auf den Wecker.  

Wie das alles die verwöhnte Mischpoke beeinflusst, entwickelt sich auf einer abstrakt ausgestalteten Bühne, deren einzelne Elemente mit wenigen Handgriffen die Kulisse verändern können. Die Geschichte vom Überfluss in die Untiefen einer blätternden Fassade lässt Regisseurin Angelika Hofstetter in pointierten Dialogen, Running Gags und einem mit Slapsticks gespickten Tempo erzählen, glücklicherweise ohne in Klamauk abzurutschen. Miteinander verbunden wird das Wohl und Wehe der Familie durch bekannte Melodien aus aktuellen Seifenopern und ein paar geschickt eingesetzten Diaszenen.

Wernher von Schrader gibt den glücklosen Geschäftsmann zwischen naiv und nonchalant, immer darauf bedacht, weder Ehefrau noch Freund zu brüskieren. Sarah Béke als Elmire changiert faszinierend zwischen manipulativ und auf den eigenen Vorteil bedacht, überzeugt als unbeliebte Schwiegertochter ebenso wie als berechnende Ehefrau.  

Viel Temperament sorgt für Lachtränen

Auch ihre Stiefkinder Marianne (ständig präsent und entzückend verspielt: Lilou Singer) und Damis (Richard Baudach, der von treudoof bis explosiv agiert) wollen den ungeliebten Gast dringend loswerden. Monika Schiefer treibt als temperamentvolle Großmutter mit Anspruch auf ein gutes Leben immer wieder Lachtränen in die Augen des Publikums. Und Wolfgang Stenglin in der Rolle des Tartüff geistert in Melancholie durch das Haus.

Ist er den eigenen Überzeugungen gewachsen? Und lernt die Familie durch ihn das wahre Leben wirklich kennen? Feinsinniges und Widersprüchliches kollidiert in dieser Gesellschaftskomödie, die im tosenden Applaus endet.

Ursula Düring

 

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