Im Würzburger Chambinzky lernt eine verwöhnte
Mischpoke das wahre Leben kennen - oder auch nicht
Auf der Hafenbühne spielt das Würzburger Theater
Chambinzky “Tartüff”: Die pointierte Gesellschaftssatire von John von
Düffel trifft den Nerv der Zeit.
Würzburg Turbulent geht es zu beim Saisonauftakt
auf der Bühne des Würzburger Hafentheaters Chambinzky. Mit John von
Düffels Gesellschaftssatire “Tartüff”, sehr frei nach Molière eine
zeitgemäße Mixtur aus Motiven der Klassiker “Tartuffe” und “Der Geizige”,
wird das Publikum nicht nur trefflich und voller Schwung unterhalten.
Es stellen sich auch Fragen zum aktuellen Zustand unserer
Gesellschaft. Die wissen Regisseurin Angelika Hofstetter und ihr
Darstellerteam so spritzig zu kommentieren, dass das Lachen über das
schlechte Gewissen siegt. Denn der Autor trifft natürlich ins
Schwarze. Es geht um Pomp, Überfluss und Konsum, um Moral und
Verantwortung.
Die Familie des Unternehmers Orgon lebt in exzessivem Luxus. Zur
Sippe gehören Ehefrau Elmire mit ihren pseudokünstlerischen
Ambitionen, ihr von Hormonen überquellender Stiefsohn Damis und
seine Schwester Marianne, die scharf aufs Erbe und einen Mann ist.
Und zu guter Letzt Madame Pernelle, die Mutter Orgons, die sich wie
ein Teenager bis über beide Ohren verknallt hat in den Gast des
Hauses.
Tartüff, ein Nachhaltigkeitsfanatiker, der mit Sparplänen
nervt
Das ist Tartüff, ein Nachhaltigkeitsfanatiker, der für alle
Familienmitglieder vom Traum zum Albtraum geworden ist.
Denn Orgon ist pleite, und Tartüff, Organs Bruder im Geiste, geht
mit seinen Sparplänen allen gehörig auf den Wecker.
Wie das alles die verwöhnte Mischpoke beeinflusst, entwickelt
sich auf einer abstrakt ausgestalteten Bühne, deren einzelne
Elemente mit wenigen Handgriffen die Kulisse verändern können. Die
Geschichte vom Überfluss in die Untiefen einer blätternden Fassade
lässt Regisseurin Angelika Hofstetter in pointierten Dialogen,
Running Gags und einem mit Slapsticks gespickten Tempo erzählen,
glücklicherweise ohne in Klamauk abzurutschen. Miteinander verbunden
wird das Wohl und Wehe der Familie durch bekannte Melodien aus
aktuellen Seifenopern und ein paar geschickt eingesetzten Diaszenen.
Wernher von Schrader gibt den glücklosen Geschäftsmann zwischen
naiv und nonchalant, immer darauf bedacht, weder Ehefrau noch Freund
zu brüskieren. Sarah Béke als Elmire changiert faszinierend zwischen
manipulativ und auf den eigenen Vorteil bedacht, überzeugt als
unbeliebte Schwiegertochter ebenso wie als berechnende Ehefrau.
Viel Temperament sorgt für Lachtränen
Auch ihre Stiefkinder Marianne (ständig präsent und entzückend
verspielt: Lilou Singer) und Damis (Richard Baudach, der von
treudoof bis explosiv agiert) wollen den ungeliebten Gast dringend
loswerden. Monika Schiefer treibt als temperamentvolle Großmutter
mit Anspruch auf ein gutes Leben immer wieder Lachtränen in die
Augen des Publikums. Und Wolfgang Stenglin in der Rolle des Tartüff
geistert in Melancholie durch das Haus.
Ist er den eigenen Überzeugungen gewachsen? Und lernt die Familie
durch ihn das wahre Leben wirklich kennen? Feinsinniges und
Widersprüchliches kollidiert in dieser Gesellschaftskomödie, die im
tosenden Applaus endet.
Ursula Düring
|